Bis zu 8.000 Menschen: Frankfurt setzt ein deutliches Zeichen gegen Rechts

erstellt von #wirsindmehr Frankfurt — zuletzt geändert: 2018-10-14T17:48:03+01:00
Das letztendlich aus 52 Vereinen, Initiativen, Gewerkschaften und Parteien bestehende Bündnis #wirsindmehr Frankfurt rief für den gestrigen 13. Oktober zu einer musikalischen Demonstration in der Main­metropole auf –

bis zu 8.000 Menschen folgten dem Aufruf. Damit wurden die Erwartungen des Bündnisses erreicht und es setzte ein deutliches Zeichen gegen den Rechtsruck in Deutschland und Europa.

Ablauf der Demonstration

„Vor sechs Wochen entschlossen wir uns im kleinen Kreis, diese Demonstration aufzuziehen und vor vier Wochen hatten wir unser erstes Bündnistreffen und konnten mit der eigentlichen Organisation beginnen. Viele von uns hatten insbesondere in den letzten anderthalb Wochen 14-18-Stunden-Tage. Zum Vergleich: Andere Organisationen planen Veranstaltungen dieser Größenordnung über einen Zeitraum von neun bis zwölf Monaten! Und wenn ich nun sehe, wie viele Menschen gekommen sind und wie viel Spaß ihr dabei habt, ein deutliches Zeichen gegen Hass und Ausgrenzung zu setzen, dann weiß ich, dass sich die ganze Arbeit gelohnt hat“, erklärte Andreas Bender um kurz vor 22 Uhr auf der Hauptbühne am Roßmarkt.

Das Vorstandsmitglied von Lautstark gegen Rechts Rhein-Main e.V. hatte die Demonstration angemeldet und zeigte sich mit dem generellen Ablauf der Demonstration sehr zufrieden. Auch Shenja Kerepesi, Vorstandsmitglied von The Second Planet e.V., sagte: „Wir haben friedlich aber bestimmt Stellung bezogen und gezeigt, dass es sich viel schöner und entspannter lebt, wenn man nicht ausgrenzt, nicht diskriminiert und nicht hasst.“

Zahl der Teilnehmer

Zwischen 13:30 Uhr und 14:00 Uhr sammelten sich bereits etwa 4.000 Menschen auf dem Baseler Platz. Bis sich der Demonstrationszug dann mit einer halben Stunde Verspätung in Richtung Messe in Gang setzte, zählte das Bündnis 5.400 Teilnehmer. Als sich der Demonstrationszug nach dem ersten Halt an der Messe wieder in Gang setzte, zählten die Veranstalter etwa 8.000 Teilnehmer. Ein Vertreter der Presse schätzte die Teilnehmerzahl auf 10.000 Teilnehmer. Als es am zweiten Halt, dem Willy-Brandt-Platz, zu Verzögerungen bei der Fortführung der Demonstration gab, verringerte sich die Zahl der Demonstranten auf etwa 4.000 Menschen.

Höhepunkte

„Von Höhepunkten zu sprechen ist wirklich schwierig“, so Andreas Bender. „Ein 12,5-Tonner- und ein 7,5-Tonner-LKW sowie ein Transporter mit Anhänger dienten der Demonstration als mobile Bühnen für die mehr als zwanzig Redebeiträge und dreizehn Musik-Acts von Punk und Rock über Rap, Techno und Singer-Songwriter. Und jeder Teil unseres Programms war wichtig und wir mochten ihn auch nicht missen.“

Für besonders viel Stimmung sorgten aber augenscheinlich die Stuttgarter Punkband Schmutzki, die am Zielort der Demonstration, dem Roßmarkt, als erste Band von der Hauptbühne aus spielte, sowie die Frankfurter Band Gastone, die als letzte spielte und die Stimmung bis zur letzten Minute aufrecht erhielt. Zudem noch der Hannoveraner Rapper DeeOoh. Auf den LKWs stachen die Gießener Punkband Pestpocken und die Frankfurter Djane AnniMaliscH besonders hervor.

Videobotschaft von Zeitzeugin Trude Simonsohn

Bei den Videobeiträgen sorgte die Botschaft der Holocaust-Überlebenden und ersten Ehrenbürgerin Frankfurts, Trude Simonsohn, für tiefe Betroffenheit. Offen schilderte die inzwischen 97-Jährige, die sich zeitlebends gegen Faschismus eingesetzt hat, ihr Leben und zog deutliche Parallelen zwischen 1930 und heute. „Die aktuelle Situation macht mir Angst“, so Simonsohn. Auf die Frage, was für Parallelen sie sehe, antwortete sie: „Dass es so im Nationalsozialismus begonnen hat. Die Wahlergebnisse der AfD machten ihr „große Sorgen“. „Junge Leute können demonstrieren und für Frieden kämpfen“, so Simonsohn.

„So still wie während des Videos war es am ganzen Abend nicht auf der Demonstration“, erklärt Andreas Bender. „Es war sehr bewegend.“ Auch die Moderatorin des Abends, Mirrianne von der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland hatte einen Kloß im Hals, als sie nach der Videobotschaft wieder die Bühne betrat.

Kritik am Polizeieinsatz

Für Misstimmung sorgte ein Fahrzeug der Polizei, das zwischen den Demonstranten mitfuhr. „Als Anmelder der Demonstration wollte ich vom Einsatzleiter der Polizei erfahren, warum das Fahrzeug nicht wie bei jeder anderen Demonstration auch vor und hinter den Teilnehmern fahre“, berichtet Andreas Bender. „Er antwortete, dass dies aufgrund des langen Demonstrationszuges nötig sei, um im Falle einer Durchsage auch die Mitte des Demonstrationszuges zu erreichen.“ Bender bezeichnet dies als dreiste Lüge. „Das Fahrzeug fuhr kurz hinter dem ersten LKW her und somit hunderte Meter vor der Mitte des Demonstrationszuges entfernt. Außerdem erklärten kurz darauf die Insassen des Polizeiautos, ihre Aufgabe sei es , die auf dem ersten LKW spielende Punkband Pestpocken zu beobachten.“ Andreas Bender zeigt sich enttäuscht von der Unehrlichkeit des Einsatzleiters.

Hintergrund der Beobachtung war der Bericht einer Frankfurter Tageszeitung, in der der Gießener Punkband gewaltverherrlichende Texte und ein Musikvideo mit Gewaltszenen gegen die Polizei vorgeworfen werden. „Das Video ist ein Zusammenschnitt aus einem Kino-Film bei dem wir mitgewirkt haben („Chaostage“). Das ist am Ende klar gekennzeichnet und auch daran zu erkennen, dass Helge Schneider mitspielt“, so Danny von den Pestpocken. „Da der Reporter sich die Mühe gemacht hat, einen Textausschnitt rauszuschreiben, ist ihm das mit Sicherheit aufgefallen. Die Textzeile, auf die sich seiner Zeit der Inlandsgeheimdienst gestürtzt hat (anstatt den NSU zu verfolgen) ist 16(!) Jahre alt...“ Auch das Bündnis erklärte noch vor Veröffentlichung des Artikels und auch zu Beginn gegenüber der Polizei, dass sich die späteren Texte kritisch mit Gewalt auseinandersetzen.

Generell kritisierte das Bündnis das massive Polizeiaufgebot. „Viele Teilnehmer äußerten, dass sie sich kriminalisiert fühlten. Und das kann ich sehr gut nachvollziehen“, so Shenja Kerepesi. „Der gesamte Demonstrationszug war umzingelt von Polizisten mit Körperpanzerung. Das wirkt nicht nur auf die Teilnehmer sondern auch auf einige Passanten bedrohlich. Stichwort: Framing.“ Kerepesi fragt sich, ob das nicht inzwischen wirklich System habe, dass Demonstrationen mit polizeibekannten rechten Gewalttätern von der Polizei kaum beachtet und friedliche Demonstrationen linker Gruppierungen, die sich offen gegen Hass, gegen Gewalt und gegen Diskriminierung stellten, von Hundertschaften bewacht würden. „Wir haben das in Freital erlebt, in Chemnitz, in Dortmund und in vielen, vielen weiteren Städten auch“, so Kerepesi. „Wir müssen uns vor Augen führen, dass wir Linke keine 300 politische Morde auf unserer Rechnung stehen haben. Und doch werden wir wie Kriminelle durch die Stadt geführt.“

► Fazit

Die Initiatoren des Bündnisses, die Vereine The Second Planet e.V. und Lautstark gegen Rechts Rhein-Main e.V., ziehen eine gute Bilanz und möchten die Zusammenarbeit in der Zukunft gerne intensivieren.

PRESSEINFORMATION, 14. Oktober 2018