Ihr macht Politik auf dem Rücken unserer Klient*innen!

erstellt von Initiative Bahnhofsviertel — zuletzt geändert: 2018-01-31T10:56:55+01:00
124 Mitarbeiter*innen aus 9 Einrichtungen der Frankfurter Drogenhilfe (5 davon im Bahnhofsgebiet) unterstützen einen offenen Brief, der den Umgang von Teilen der Medien, Polizei und Stadtpolitik mit Drogengebraucher*innen im Frankfurter Bahnhofsviertel kritisiert.
O-Ton einer Sprecherin der Initiative: “Wir haben viel zu lange einfach unsere Arbeit gemacht und uns nicht in die Debatte um das Bahnhofsviertel eingemischt. Damit ist jetzt Schluss! Da sich die Träger der Drogenhilfe nicht öffentlich zur schleichenden Beschneidung des Frankfurter Wegs äußern, tun wir das nun von der Basis aus. Viele Kolleginnen und Kollegen wollen dabei anonym bleiben. So oder so setzen wir uns für die Rechte unserer Klientinnen und Kienten ein. Wir wollen ein Bahnhofsviertel ohne Ausgrenzung! Wir fordern alle, die mit unserem Anliegen solidarisch sind, auf, unseren offenen Brief im Internet zu unterzeichnen.

Um Konsumentinnen und Konsumenten in Zukunft ein menschenwürdigeres und medizinisch vertretbares Dasein zu ermöglichen, wird Frankfurt um eine Diskussion über die Legalisierung von Drogen nicht herumkommen.”

Der offene Brief im Netz: initiativebahnhofsviertel.wordpress.com



Offener Brief von Mitarbeiter*innen der Frankfurter Drogenhilfe

Ihr macht Politik auf dem Rücken unserer Klient*innen!

Das Frankfurter Bahnhofsviertel ist seit einem Jahr wieder zunehmend im Fokus des medialen, polizeilichen und politischen Interesses. In diesem Rahmen beobachten wir den Umgang mit unseren Klient*innen mit wachsender Verärgerung.

Das Viertel in den Medien

Die Situation wird in der Presse mitunter verzerrt und dramatisiert: “Fahr nicht nach Frankfurt, das ist ein Moloch.” (FAZ) Das Viertel wird als No-Go-Area dargestellt, Crack als neue Leitdroge verklärt und damit einhergehend eine plötzlich wachsende Aggressivität der Szene behauptet. Die Substanz ist jedoch bereits seit den 90ern in Frankfurt in Umlauf und spielt “nur eine etwas größere Rolle als 14 Jahre zuvor.” (Centre For Drug Research, 2017)

Die Berichterstattung hat bisweilen einen rassistischen Grundton. So titelt die FNP “Zuwanderer als Drogendealer”. Und BILD Frankfurt stellt fest: “Die Nordafrikaner haben den Trick entdeckt, Bulgarinnen oder Rumäninnen zu heiraten, die zur EU gehören, um nicht abgeschoben zu werden. Werden die Ehen im Römer geschlossen und die Integrations-Dezernentin gratuliert?”

Immer wieder werden Anwohner*innen und Gewerbetreibende zitiert, die ihr privates oder geschäftliches Interesse über die Aufenthaltsberechtigung der im Viertel ansässigen Drogenszene stellen. Das Journal Frankfurt unterhält sich mit dem städtischen Koordinator fürs Bahnhofsviertel, Klaus-Dieter Strittmatter: “Am Kaisersack baut Strittmatter auf ein demnächst eröffnendes kanadisches Pommeslokal mit Außengastronomie, da soll die Bestuhlung die alkoholisierten Lungerer abschrecken (...) Klaus-Dieter Strittmatter erklärt, dass man überlege, die Mülleimer der Bahn so zu verändern, dass Flaschensammler nicht mehr hineingreifen könnten und so Unrat verbreiten.” Hier ist man sich nicht zu fein, noch nach den Schwächsten zu treten.

Das Viertel im Polizeistaats-Look

Die Meldungen über neue Beleuchtungsanlagen, Überwachungkameras, Umbaupläne der B-Ebene und ein mögliches Alkoholverbot im Kaisersack reißen nicht ab. Ganze Straßenzüge mit Kolonnen abgeparkter Einsatzfahrzeuge und großangelegte Polizeirazzien prägen ein Bild vom Bahnhofsviertel im Ausnahmezustand. Im Visier der mittlerweile fest installierten Sondereinheit sind vor allem Nordafrikaner*innen. Betroffen vom racial profiling und schikanierenden Leibesvisitationen der Frankfurter Polizei sind immer wieder auch der Drogenszene ferne Tourist*innen und Anwohner*innen – allein aufgrund ihres Äußeren.

Hinzu kommt, dass seit Januar dieses Jahres verstärkte Kontrollen unserer Klient*innen direkt vor den Konsumräumen in der Nidda- und Elbestraße stattfinden. Diese Maßnahmen behindern eine niedrigschwellige Drogenarbeit massiv, nehmen den Drogengebraucher*innen das Vertrauen in 'ihre Räume' und sind mit dem Frankfurter Weg nicht vereinbar.

Sprechen wir Polizist*innen im Bahnhofsviertel auf ihr Vorgehen an, sagen sie oft von sich aus, dass ihr Großaufgebot keine wirklichen Erfolge in der Bekämpfung des Drogenhandels erziele und eher politisch gewollt sei. Man gewinnt leicht den Eindruck einer Imagekampagne der Stadt, die Konsument*innen und Straßen-Dealer als Schattengegner aufbaut, um einen 'Sicherheits'-Diskurs zu befeuern. An seinem vorgeblichen Ziel, der Eindämmung von Drogenkriminalität, scheitert der Einsatz definitiv.

Das Viertel in der (Stadt-)Gesellschaft

In der Drogenpolitik Frankfurts ist eine klare Linie nicht immer ersichtlich. Zwar wird praktisch noch weitgehend am Frankfurter Weg festgehalten, doch längst laufen Prozesse einer Inwertsetzung des Viertels, die mit Verdrängungspolitik einhergehen. Vermehrt fordern Politiker*innen eine 'Bereinigung' des Bahnhofsgebiets. Im aktuellen Wahlkampf lassen sich OB-Kandidat*innen publicityträchtig hier ablichten, während sie als barmherzige Samariter im Viertel schaulaufen oder sich auf einer Kehrmaschine als sicherheitspolitische Hardliner profilieren.

Stadtpolitik, Polizei und Presse – sie alle machen Politik auf dem Rücken unserer Klient*innen! Der öffentliche Raum wird damit Stück um Stück exklusiver. Doch das Bahnhofsviertel ist gerade deswegen ein wichtiger Aufenthaltsort für Drogengebraucher*innen, weil sie sich hier freier bewegen können als in anderen Stadtteilen, wo der Anpassungsdruck viel höher ist.

Prekärer Drogenkonsum ist kein individuelles, sondern ein gesellschaftliches Problem. Während relativ wenige Menschen zunehmend reicher werden, sind viele andere – gerade aus ökonomisch und sozial ungesicherten Verhältnissen – gefährdet, immer weiter abzurutschen. Was wir im Bahnhofsviertel sehen ist nicht Ausdruck einer 'asozialen' Lebenseinstellung, sondern die Kehrseite der Finanzmetropole Frankfurt. Neben offensichtlichem Reichtum produziert unsere Gesellschaft auch offensichtliche Verelendung. Das ist nicht immer schön anzusehen, gehört aber zu ihrer Realität – und die lässt sich nicht verbessern, indem man sie verdrängt.

Wir fordern einen Stopp der öffentlichen Diffamierung und Raumnahme gegen unsere Klient*innen!

Dieser Brief wird von 124 Mitarbeiter*innen aus 9 Einrichtungen der Frankfurter Drogenhilfe unterstützt