Kaum ein Grund zum Feiern

erstellt von "Eine Stadt für Alle! - Wem gehört die ABG?" — zuletzt geändert: 2017-05-19T11:13:21+02:00
Landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte feiert 95. Jubiläum.

Die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte/Wohnstadt mit rund 60.000 Mietwohnungen in 140 Städten und Gemeinden in Hessen und Thüringen gehört zu den zehn größten Wohnungsunternehmen Deutschlands. Das 1922 gegründete Wohnungsunternehmen mit derzeitigem Sitz in Frankfurt am Main und Kassel feiert aktuell sein 95-jähriges Jubiläum – Anlass für „Eine Stadt für alle! Wem gehört die ABG?“ die öffentliche Wohnungsbaugesellschaft an ihren Versorgungsauftrag für Mieter/innen mit mittlerem und geringem Einkommen zu erinnern.

Ursprünglich gegründet, um den allgemeinen Mangel an Wohnraum in der Region Rhein-Main zu mildern, liegt der heutige Fokus der Geschäftstätigkeit im freifinanzierten Wohnungsbau – vor allem im Neubau. „Da das Land und andere öffentliche Träger Mehrheitseigner der Gesellschaft sind, muss die Nassauische Heimstätte aber einen öffentlichen Auftrag erfüllen und ihren Versorgungsauftrag für Menschen ernst nehmen, die sich am Markt nicht ausreichend mit Wohnraum versorgen können – sprich Bestandsmieten deckeln und günstig und langfristig mietpreisgebunden neu bauen.“, fordert Andrea Kempkes von „Eine Stadt für alle – Wem gehört die ABG?“.

Derzeit sind mehrere Bauprojekte der NH in Frankfurt im Gespräch, wo die Nassauische Heimstätte (NH) Nachverdichtungspotenziale in bestehenden Siedlungen nutzt. „Dabei hat sie allzu oft die Aufwertung der Viertel und letztlich die Veränderung der Bewohnerstruktur im Sinne und nicht die Bereitstellung von günstigem Wohnraum.“, kritisiert Kempkes.

Überdeutlich wird das am jüngsten Nachverdichtungsprojekt der Nassauischen Heimstätte in Unterliederbach, wo 35 neue Wohnungen zu unter 10 € kalt pro Quadratmeter entstehen sollen. Oberbürgermeister Feldmann feiert das Neubauprojekt, in dem ausschließlich freifinanzierte Wohnungen entstehen, für die die Stadt keinerlei Belegungsrechte erwirbt, als „interessanten Mix“. Die NH gibt unverblümt zu: „Die beiden Mehrfamilienhäuser werden den Wohnkomfort für die Mieter erhöhen und das Viertel, in dem hauptsächlich sozial geförderte Bauten aus den Jahren 1930 bis 1970 stehen, optisch aufwerten.“ „In einer Stadt wie Frankfurt, in der 49 % der Bevölkerung ein Anrecht auf Sozialwohnungen hat und 10000 registrierten Haushalten vom Amt für Wohnungswesen keine Sozialwohnung vermittelt werden kann, ist eine Nachverdichtung ohne mietpreisgebundenen Wohnraum kein Grund zum Feiern.“, kritisiert Kempkes.

Auch in der Vatterstraße in der Siedlung Riederwald im Frankfurter Osten verdichtet die NH nach, es sollen 32 neue Wohnungen entstehen – Sozialwohnungen Fehlanzeige! „Wann erkennen Stadt und Land, dass ihnen die Partner im gemeinnützigen Wohnungsbau abhanden kommen, wenn sie nicht gegensteuern und den Wohnungsbaugesellschaften klare Vorgaben machen?“, wundert sich Kempkes. Derweil hat die NH angekündigt, dass sie 1100 Eigentumswohnungen plant, der Luxus-Wohnturm „Praedium“ mit Quadratmeterpreisen von bis zu 10.000 € im Frankfurter Europaviertel ist bereits realisiert und zeigt, in welchen Gewinnmargen die öffentliche Wohnungsbaugesellschaft dabei denkt. Auch der Leerstand in NH-Wohnungen in der Siedlung in Frankfurt-Westhausen zeigt, dass die Gesellschaft Bestandsgebäude als Spekulationsobjekte zweckentfremdet.

2012 konnte die Privatisierung der Nassauischen Heimstätte durch Proteste, angeführt von der Mieterinitiative Nassauische Heimstätte, noch abgewendet werden. Doch die Bestandsmieter/innen der NH im Frankfurter Umland, etwa in Maintal bemängeln permanente Mietsteigerungen, die die Belastungsgrenze der Mieter/innen längst übersteigen. Soziale Vermietungspolitik mit Tradition sieht anders aus.

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"Eine Stadt für Alle! - Wem gehört die ABG?", PM, 19. Mai, 2017