Kundgebung am internationalen Kobane-Tag

erstellt von Städtefreundschaft Frankfurt-Kobane e. V. — zuletzt geändert: 2017-11-07T11:56:18+01:00
Etwa 200 Menschen versammelten sich in Frankfurt/Main am 1. November unter dem Motto: Wir danken den Demokratischen Kräften Syriens! Wir danken den Frauen und Männern der YPG, YPJ! Für einen geschlechterbefreiten, multiethnischen, multireligiösen Nahen Osten!

... Rednerinnen und Redner betonten in Frankfurt, weiterhin für das in Kobani neu errichtete System der Selbstverwaltung einzutreten, das Toleranz für alle Ethnien, Frauengleichstellung und Basisdemokratie beinhalte. Trotz erheblicher Polizeipräsenz wehten die Fahnen der Volks- und Frauenverteidigungseinheiten YPG und YPJ, der kurdischen Befreier von der IS-Herrschaft, erstmals unangefochten im Abendwind. Die Kämpfe, die deshalb im Vorfeld hatten geführt werden müssen, waren der Szenerie nicht anzusehen.

Zwar hatten das Frankfurter Verwaltungsgericht und das Landgericht Frankfurt klargestellt, dass das Mitführen von Fahnen und anderen Zeichen zum Gedenken an die Befreiung syrischer Ortschaften vom IS nicht als »konkrete Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung« anzusehen und ein entsprechendes Verbot somit rechtswidrig sei. Auch der Leiter des Ordnungsamtes habe grünes Licht gegeben. Trotzdem musste sich das Rojava-Solidaritätskomitee im Vorfeld der Kundgebung am 1. November mit der Einsatzleitung der Polizei darüber auseinandersetzen. Diese beruft sich auf ein Rundschreiben von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) vom März dieses Jahres, demzufolge das öffentliche Zeigen von YPG- und YPJ-Symbolen als Werbung für die als »Terrororganisation« verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK untersagt werden solle.

Der Verband der Studierenden aus Kurdistan YXK hatte unmittelbar vor der Kundgebung die diesbezügliche Rechtsunsicherheit beklagt, denn die Richtlinie aus dem Bundesministerium gilt prinzipiell weiter, ist durch die Gerichtsentscheide nur für Gedenkveranstaltungen faktisch außer Kraft gesetzt. Auf Nachfrage von jW am Mittwoch nachmittag erklärte ein Polizeisprecher dann schließlich, es gebe für den 1. November kein Verbot der Fahnen. ...“ Junge Welt, aus: Ausgabe vom 03.11.2017, Seite 4 / Inland Dank an die Befreier Kobanis, Zum Jahrestag des Sieges über den »Islamischen Staat« in der nordsyrischen Stadt gingen in Frankfurt am Main und Stuttgart Kurden und Unterstützer auf die Straße
Von Gitta Düperthal


Rede von Dr. Michael Wilk, 1.11.2017 Frankfurt, Kobane Jahrestag

Liebe Anwesende, Freundinnen und Freunde,

die Bilder und die Berichte des Kampfes um Kobane 2014 sind uns allen noch gegenwärtig.

Tiefbewegende und eindrucksvolle Bilder. Im Dezember 2014 fuhr ich zum ersten Mal nach Rojava. Seit dieser Zeit unterstütze ich als Arzt Heyva Sor a Kurd, den kurdischen Roten Halbmond, der einen wesentlichen Anteil am Aufbau eines neuen Gesundheitswesens der Region darstellt. Den September über war ich mit den Freunden von Heyva Sor in Rakka- der Kurdische Rote Halbmond war die einzige Organisation, die sich bis zur Befreiung Anfang Oktober um medizinische Versorgung der Zivilbevölkerung vor Ort kümmerte. Die Situation in Rakka war und ist katastrophal. Circa 80 % der Häuser der Stadt sind zerstört. Alle Krankenhäuser befanden sich in den Händen des IS und sind weitgehend zerstört. Sehr viele Häuser, ja ganze Straßenzüge wurden vom IS vermint, mit der Folge, dass extrem viele Menschen durch diese barbarische Waffe getötet, schwer verletzt und verstümmelt wurden und werden. Das Sterben geht weiter in Rakka- auch wenn sich die Kämpfe gegen den IS nach Osten verlagert haben. Es sind Flüchtlinge, die zurückkehren und in ihren Häusern von den Minen getötet werden.

Der Kampf gegen den Terror des IS“ durch die internationale Koalition unter Führung der USA- ist das übliche steril-trockene Stereotyp, das die mediale Berichterstattung einleitet.

Was dies jedoch in der Realität bedeutet, ist etwas ganz anderes: Ich habe die Opfer dieser Auseinandersetzung gesehen, Menschen mit Schussverletzungen, mit abgerissenen Armen und Beinen, mit von Minen durchsiebten Körpern, zum Teil gelähmt für des Rest ihres Lebens. Kobane, Minbij, Rakka und nun die Stadt Dayr az Zawr als letzte Großstadt des IS – überall wurde und wird die Hauptlast der Kämpfe von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten getragen. Sie stellen den aktivsten und größten Teil der Bodentruppen, ohne die die Luftschläge der USA nicht wirklich etwas gegen den IS ausrichten könnten.

Ich- und ich denke wir alle hier- haben tiefsten Respekt und Hochachtung vor den Menschen, die in dieser Auseinandersetzung im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf hinhalten.

Ganz anders jedoch die Politik der deutschen Regierung : Die BRD ist Mitglied im Bündnis der Anti-IS Koalition- zusammen mit den USA, die nach einer desaströsen Nahostpolitik nunmehr klar kurdische und SDF-Einheiten als engste Verbündete betrachtet. YPG-Abzeichen werden deshalb gerne von amerikanischen Soldaten getragen- hier in Deutschland sind sie jedoch verboten, das Zeigen der Symbole wird polizeilich verfolgt. Dieses absurde Verbot von Symbolen der PYD und der YPG und auch die weiter bestehenden Kriminalisierung der PKK sind der Ausdruck von perverser Anpassung der deutschen Regierung gegenüber dem türkischen Machthaber Erdogan und seiner Regierung.

Einem Regime, das Menschen ermordet, foltert und unbequeme JournalistInnen ins Gefängnis wirft. Ein Regime, das Bomben auf kurdische Gebiete der Türkei und auf Rojava abwirft, weil es die demokratische Selbstorganisierung der Menschen fürchtet. Das sogenannte Flüchtlingsabkommen mit Erdogan und v.a. ökonomische Interessen wiegen mehr als diese Tatsachen. Es zählt wenig, dass in Rakka und Deyr az Zawr junge Menschen der YPG im Kampf gegen den IS zu Tode kommen oder verstümmelt werden.

Seit 2014 ist Rojava gewachsen, der IS ist nicht nur aus Kobane vertrieben worden. Viele Städte und Dörfer sind von der barbarischen und unmenschlichen Schreckensherrschaft erlöst worden. Die Befreiung vom IS ist den Volksverteidigungseinheiten YPG und den Frauenverteidigungseinheiten YPJ zu verdanken.

Auch wenn die kurdischen Volksverteidigungseinheiten die stärkste Fraktion innerhalb des Kampfbündnis der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) darstellen, geht es nicht um die Schaffung eines kurdischen Staates- es geht vielmehr um die Verteidigung und Erweiterung einer Autonomiezone. Einer Zone in der selbstverständlich Menschen kurdischer, arabischer, assyrischer, armenischer Herkunft (um nur einige zu nennen) Seite an Seite kämpfen. Es geht dabei eben nicht um die Durchsetzung eines neuen Nationalstaats oder um die Dominanz einer bestimmten Religion über andere- es geht tatsächlich Selbstbestimmung und um die Durchsetzung basisdemokratischer humanitärer Prinzipien.

An allen Orten, ob Quamishlo, Serekaniye, Kobane, Derik, Haseke, Tall Tamir, überall habe ich Menschen kennengelernt, die mit höchstem Einsatz und auch Risiko, nicht nur im Kampf gegen den IS stehen, sondern auch am Aufbau neuer sozialer Strukturen arbeiten. Umgeben von Krieg und autoritären Strukturen arbeiten sie an einer Gesellschaft, in der Gleichberechtigung von Mann und Frau, Basisdemokratie und Toleranz gegenüber vielerlei Ethnien und Religionen geübt wird.

Die Kurd*innen Syriens haben sich nicht nur einem repressiven arabischen Zentralismus, dem Regime Assads, verweigert, sie haben dem menschenverachtenden reaktionären Islamismus des IS die Stirn geboten. Die kommende militärische Zerschlagung des IS ist nicht das Ende der Auseinandersetzung. Assad, Erdogan, Iran und die Großmächte Russland und USA versuchen ihre Claims, ihre Einflusszonen abzustecken.

Es liegt auch an uns – an den Stärke der Solidarität- ob Gleichberechtigung von Mann und Frau, Basisdemokratie und Toleranz eine Chance haben sich durchzusetzen.

 

Grussbotschaft von Rojda Felat, SDF (Syrischen Demokratischen Kräfte) am 1. November 2017, Internationaler Kobane-Tag in Frankfurt

Zunächst begrüße ich alle Anwesenden, die sich heute hier versammelt haben, im Namen der YPJ, YPG und SDF. Wir gratulieren euch allen zur Befreiung von Rakka. Die Niederlage des IS, des IS- Terrorismus in der Stadt, von der sie behaupteten, dass sie unbesiegbar wäre. In dieser Stadt wurden Kinder ermordet, wurden Frauen verkauft und die Köpfe von Menschen abgeschlagen. Wir haben dem ein Ende gesetzt, in ihrer Hauptstadt, von der sie behaupteten, dass sie niemals fallen würde.

Für die Frauen dieser Welt und die Menschheit haben wir den IS und seine Taten in dieser Stadt zu einem Ende gebracht. Und deswegen gratulieren wir euch zu diesem Sieg.

Mit unserem Zusammenhalt als Menschen, die sich für Menschlichkeit, Freiheit und Demokratie einsetzen, werden wir erfolgreich sein. Wenn unsere Seelen verbunden sind, können wir alles umsetzen. Wir versprechen, dass wir gegenüber allen Kurdinnen und Kurden und allen Völker des Nahen Osten, die mit SDF/YPG/YPJ Seite an Seite gegen IS gekämpft haben und diesen Sieg ermöglicht haben, unser Versprechen zu halten. Wir werden immer bereit sein, diese Menschen zu verteidigen und unser Leben für sie zu opfern. Die Hoffnungen, die die Menschen in uns setzen, werden wir umsetzen.

Wir als SDF/YPG/YPJ haben Rakka befreit. Es sind viele in diesem Kampf gefallen, viele Kämpferinnen und Kämpfer sind in Rakka verletzt worden. Das war nicht einfach für uns. Der Kampf um Rakka war nicht einfach. Der Kampf zur Befreiung von Rakka war ein schwieriger, harter Kampf. Deswegen wird dieser Kampf in die Geschichte eingehen. Seine Geschichte wird geschrieben werden und viele Menschen werden von diesem Heldentum und seinen Persönlichkeiten lesen.

Wir sind im Kampf sehr vorsichtig vorangegangen. Wir haben genaustens dqrauf geachtet, dass Zivilisten in Rakka nicht geschädigt werden und wir sie befreien können. Wir haben alles getan, um Verluste von Zivilisten zu verhindern. Viele Freundinnen und Freunde sind für die Zivilisten von Rakka gefallen oder wurden verletzt, damit die Menschen unversehrt aus dieser Stadt herauskommen können.

Wir haben uns sehr achtsam angenähert, damit die Menschen nach der Befreiung in ihre Stadt zurückkehren können. Wir haben im Kampf darauf geachtet, dass die Häuser nicht zerstört werden, damit die Menschen wieder hierhin zurück kehren können. Jetzt ist die Stadt befreit und viele Menschen kehren zurück und helfen beim Wiederaufbau der Stadt mit. Zahlreiche Jugendliche und junge Männer haben aufopferungsvoll gekämpft für der Befreiung um Rakka. Wir werden sie nicht vergessen.

Zum ersten November, diesem besonderen Tag, dem Welt-Kobane-Tag, möchten wir zuerst allen Märtyrern von Kobane gedenken. Das Blut dieser Märtyrer hat die Befreiung von Kobane ermöglicht. Die Menschen aus Kobane, aus allen vier Teilen Kurdistans, dem Nahen Osten und der Welt haben zur Befreiung von Kobane beigetragen. In Gedenken an sie grüßen wir euch. Wir werden ihren Beitrag für die Befreiung von Kobane nicht vergessen. Diese Tage sind sehr besonderers und aufregend. Dieser Tag gehört denjenigen, die die Befreiung von Kobane möglich gemacht haben. In diesem Sinne gratulieren wir euch allen auf der Kundgebung, allen die an dieser Befreiung mitgewirkt haben, zu diesem besonderen Tag.

Wir sagen direkt und klar: die Befreiung von Rakka war nicht einfach. Wir grüßen die Menschen, die durch ihre Reden, Aktivitäten und durch ihre Einsatzbereitschaft die Befreiung von Rakka ermöglicht haben. Für unsere Menschen in Europa, für euch, die heute auf der Kundgebung sind, wir werden eure Unterstützung nicht vergessen.

Wir haben versprochen, dass wir den IS und den Terror vernichten. Wir wiederholen, unser Versprechen, wir werden es halten und diesen Terror mit der gleichen Aufopferungsbereitsschaft beenden. Auf dieser Grundlage sehen wir und begrüßen wir eure Kundgebung zum Welt-Kobane- Tag.

Die Befreiung von Rakka ist für alle Frauen, für die Menschheit und alle Menschen wie euch, die auch heute aufgestanden sind. In diesem Sinne grüßen wir euch. Wir vergessen eure Unterstützung nicht und wir werden unser Versprechen umsetzen. Wir haben bisher viel geopfert und sind bereit noch mehr zu opfern. Nochmals grüßen wir euch, wünschen euch viel Erfolg, auch eure Demonstrationen sind ein Teil der Geschichte, auch sie werden nicht vergessen werden. In diesem Sinne eine erfolgreiche Kundgebung.

Viel Erfolg! - Serkeftin, Serkeftin, Serkeftin


Rede von Achim Kessler, Bundestagsabgeordneter dieLinke:

https://www.achim-kessler.de/rede-zum-internationalen-kobane-tag/