Project Shelter - Zurück auf die Straße:

erstellt von Project Shelter — zuletzt geändert: 2017-07-28T16:28:23+02:00
Statement zum Ende des Bistros und zur Lage des städtischen Widerstands / A statement concerning the end of the Bistro and the status of urban resistance

Ein Jahr Zwischennutzung des Bistros in der Berger Str. geht zu Ende. Der Eigentümer beansprucht die Räume, und wir haben uns nach langer Diskussion darauf geeinigt, sie ihm zu überlassen. Wir tun dies im vollen Bewusstsein der Tatsache, dass sich hier im Kleinen einmal mehr ein Grundmechanismus moderner (Groß-)Städte – sowie des kapitalistischen Systems im Allgemeinen – offenbart: Nur jene Bedürfnisse, die der Verwertung dienen, kommen langfristig zur Geltung. Weil es im Bestehenden ‚das gute Recht‘ des Eigentümers ist, seine Räume möglichst gewinnbringend zu nutzen, und weil letztlich fast alle Eigentümer*innen – ob von Gebäuden oder Produktionsmitteln – ähnlich handeln, werden Einzelpersonen und Initiativen ohne entsprechende monetäre Mittel solange den Kürzeren ziehen wie das System bestand hat.

Entsprechend wollen wir an dieser Stelle nicht den Besitzer des Bistros verdammen – und auch nicht über irgendwelche Spekulat*innen schimpfen. Stattdessen verweisen wir auf die anhaltende Notwendigkeit der Abschaffung eines Systems, in dem menschliche Bedürfnisse, Interessen und Wünsche stets nur ein Mittel und nie den Zweck des Wirtschaftens darstellen. Der Weg dorthin führt für uns ganz klar über die (Wieder-)Aneignung der Mittel des menschlichen (Über-)Lebens – egal ob es sich um Wohnraum oder Fabriken handelt.

Das Bistro war für uns ein Zwischenschritt und ein Jahr lang ein grandioser Ort der Begegnung sowie des zwischenmenschlichen Austauschs. Wir haben diskutiert, konkrete Solidarität organisiert und zusammen gefeiert. Fakt ist aber auch, dass das Bistro Kräfte gebunden hat und seine gemeinsame Verwaltung dafür sorgte, dass Project.Shelter als Initiative selbst in einer Art ‚Zwischenstadium‘ verharrte. Von nun an wollen wir wieder all unsere Energie dafür verwenden, einen Ort zu schaffen, an dem Menschen sich nicht nur begegnen können, sondern in dem jene ohne Wohnung tatsächlich eine sichere Unterbringung finden. Wir halten daran fest: Frankfurt braucht ein selbstverwaltetes migrantisches Zentrum!

Um zu zeigen, dass wir es mit dieser Forderung weiterhin ernst meinen, haben wir am 24. Juni ein weiteres Haus in Bornheim für 24 Stunden besetzt. Die Tatsache, dass wir hierfür keine 30 Meter von unserem Bistro aus gehen mussten, beweist einmal mehr, dass es in Frankfurt keinen Mangel an Raum gibt, sondern ein Problem mit der exklusiven Nutzungsbefugnis darüber. Jene Apologet*innen, die diese als unumstößliche Tatsache rechtfertigen, halten krampfhaft an einer Gesellschaft fest, die Menschen obdachlos macht, obwohl genug Raum da ist, und die Menschen hungern lässt, obwohl genug Lebensmittel produziert werden. Wir wollen diesen künstlichen Mangel auf allen Ebenen des menschlichen Lebens nicht mehr länger akzeptieren, geschweige denn ihn mitverwalten. Als Konsequenz bleibt uns nur für eine Gesellschaft zu kämpfen, indem jede Form von Existenzangst endgültig abgeschafft ist.

Für all jene, die die Preisgabe des Bistros als zu ‚konfliktscheu‘ bewerten, verweisen wir darauf, dass sich die Radikalität eines politischen Projekts nicht an der Anzahl oder Intensität physischer Konfrontationen mit Ordnungskräften messen lässt – auch wenn diese zweifelsohne dazugehören können –, sondern allein an seinem Inhalt. Auch in Zukunft wollen wir zusammen mit euch mit allen Kräften an der Abschaffung des falschen gesellschaftlichen Ganzen arbeiten!

An diejenigen, die immer noch auf einen ‚Politikwechsel‘ der politischen Parteien hoffen, richten wir den Apell, einmal länger darüber nachzudenken, wer die bestehende Ordnung, inklusive all ihrer Härten und Schweinereien, erst ins Recht setzt und mit Gewalt am Laufen hält. Solange sich alle etablierten Parteien positiv auf den Kapitalismus beziehen, werden sie auch weiterhin gezwungen sein, seine ‚Sachzwänge‘ durchzusetzen. Der stetige Verweis auf einen Mangel an Räumen bedeutet beispielsweise nichts anderes, als dass es zu wenige Räume gibt, die nicht profitorientiert genutzt werden können, und dass die städtische Politik auch nicht gewillt ist, irgendetwas daran zu ändern. Was daraus folgt ist das ‚Management‘ des erst durch die Politik in die Welt gebrachten Mangels: die Konkurrenz verschiedener sozial marginalisierter Gruppen um die letzten Reste kostengünstigen Wohnraums, bei der Migrant*innen durch ihre Zwangspositionierung außerhalb des städtischen (wie völkischen) Kollektivs von vornherein meist unterlegen sind. Mehr noch dienen Migrant*innen als ‚von Oben freigegebene‘ Objekte der Aggressionsbefriedigung gerade jener Gruppen, die selbst stets noch um ein besseres Leben betrogen werden.

Wir appellieren deshalb an jede Einzelperson, jeden (Sport-)Verein oder politische Initiative, die unter diesem System leidet, sich nicht gegeneinander ausspielen zu lassen. Nicht mit einem Wettkampf um den Wohlwillen der (Stadt-)Regierung können wir diesen Kampf gewinnen, sondern nur mit einer gemeinsamen und solidarischen Praxis fundamentaler Opposition.

Wir sind uns sicher, dass diesbezüglich noch einiges an Diskussionsbedarf besteht. Wir laden euch deshalb ein, auch in Zukunft weiter mit uns zu debattieren, aber auch gemeinsam zu kämpfen.

Wir sehen uns auf der Straße!

Project.Shelter Frankfurt im Juli 2017

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Back to the streets: A statement concerning the end of the Bistro and the status of urban resistance by Project.Shelter

The year-long temporary usage of the Bistro in Berger Str. is over. The owner demands to use the space, and we decided to let him take it back after long internal debates. We do this, even though we are well aware of the fact that this is just a reflection of a universal problem in modern cities – and capitalism in general: Only the needs that ‘contribute’ to the realization of capital through profit get a lasting chance of ever being satisfied. Since it is the ‘right’ of the owner to use his space in a way that financially benefits him the most, and since most owners – regardless of whether they own houses or factories – act in the same way, persons and initiatives without enough monetary means will be in a fundamental disadvantage as long as the system lasts.

This is why we don’t badmouth or blame the owner of the Bistro – or rant about venture capital. Instead we insist on the necessity of the abolishment of a system, in which human needs are merely treated as means and never as the end of the economy. In order to get there, we need to re-appropriate the means of human livelihood – which includes living space as well as factories and other workplaces.

The Bistro was always an interim stage for us. For one year, it was a great place for all sorts of productive encounters and exchanges. We debated, we organized concrete solidarity and we also partied together. However, the management of the Bistro also demanded a lot of energy, which lead to a situation of ‘gridlock’ within the project. From now on, we want to re-focus all of our efforts towards opening a center, in which people can not only meet, but also find a safe place to sleep, if they need to. That is why we insist: Frankfurt needs a self-organized center for migrants!

In order to show that we still stand behind this demand, we squatted another house in Bornheim for 24 hours on June 24. The very fact that it only took a few steps to find the next empty house reveals that there is no shortage of space in Frankfurt – there is only a problem with the exclusive rights of usage for them. Those that insist on the exclusiveness of private property frantically hold on to a society, in which people are homeless, even though there is enough room, and in which people are hungry, even though enough food is produced. We refuse to accept this artificial shortage of the means of human subsistence and we surely won’t take part in its co-management. The only logical conclusion, therefore, is to fight for a society, in which every form of human deprivation is forever abolished.

For those that think that the surrendering of the Bistro was too timid, we ask to see that the radical value of a political initiative is not evaluated by the number of confrontations with the police, but only by its content. This is why we want to continue to fight with you for a completely different kind of society!

For all those who still think that change can be archived through the political parties, we ask to see that they are the ones that maintain and uphold the current system through violent means. As long as all the established parties stay within the boundaries of capitalist ideology, they will continue to execute its inherent necessities. For example, the constant insistence on a lack of rooms, means nothing else than the fact, that there are not enough rooms that can be used without being profit-oriented, and that politicians are simply not willing to change this fact. What follows from this is the ‘management’ of the artificial shortage that politicians co-created: A constant competition between the most marginalized factions in society for the last pieces of cheap real estate (or rents). Within this competition, migrants are in a fundamental disadvantage, because they are positioned as ‘outsiders’ by the inhabitants of the city. Furthermore, migrants are the object of racist hatred, which is constantly created in all of the social groups that are themselves constantly socially disadvantaged.

We call upon everyone, every individual, (sports) club and political initiative that suffers under this system to work together instead of against each other. We can only win this fight in solidarity and through fundamental opposition – not by trying to be the poster child of the city’s politicians.

We are sure that there is still a lot to be discussed. That is why we ask you to continue to engage and fight with us.

We’ll see you on the streets!

Project.Shelter in July 2017

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