„Spiel nicht mit den Schmuddelkindern…“

erstellt von Doña Carmen e.V. — zuletzt geändert: 2017-06-27T18:39:39+01:00
Ende der Toleranz – Stadt Frankfurt schließt Doña Carmen e.V. aus Bahnhofsviertelnacht aus!

Von Beginn an, seit 2008, hat Doña Carmen e.V. während der alljährlichen Frankfurter Bahnhofsviertelnacht zusammen mit Sexarbeiter/innen zu kostenlosen Bordellführungen für Frauen, zu Table-Dance-Schnupperkursen, zu Diskussionen über die bundesdeutsche Prostitutionspolitik sowie zu Einblicken in die tagtägliche Arbeit von Prostituierten („Was Sie schon immer über Sex wissen wollten“) eingeladen.

Insbesondere die Bordellführungen waren ein beliebter Programmpunkt, der stets von Hunderten von Frauen angenommen wurde. Vor der Doña-Carmen-Beratungsstelle bildete sich alljährlich eine riesige Menschenschlange – ein Publikumsmagnet, mit dem die Stadt Frankfurt sich gerne geschmückt hat, wenn es darum ging, sich als „liberale“ Stadt zu vermarkten.

Auch im 10. Jahr des Bestehens dieses Stadtteilfestes sollte sich Doña Carmen e.V. wieder mit seinen Programmpunkten an der Bahnhofsviertelnacht beteiligen. Noch im Mai 2017 wurde der Verein angeschrieben und eingeladen, jetzt aber – einen Monat später – kurzerhand ausgeschlossen. Mit einem Federstrich beendete die Stadt Frankfurt 10 Jahre ehrenamtliches Engagement von Frauen für Frauen.

Sowohl im „offiziellen kulturellen Veranstaltungsprogramm“ als auch „in unseren entsprechenden Veröffentlichungen“ werde es „keinerlei Werbung für die Prostitution und/oder Führungen in entsprechenden Einrichtungen“ geben, heißt es in einem Schreiben des Leiters des Amtes für Kommunikation und Stadtmarketing, Herr Tarkan Akman, an Doña Carmen. „Unter Einbeziehung städtischer Stellen wie Stadtpolizei und Frauenreferat, haben wir uns dazu entschieden, unsere Haltung dazu unmissverständlich klar zu stellen“, so der Amtsleiter.

Wahrlich, ein seltsames Verständnis von „Kommunikation“! Von oben, ohne Rücksprache und ohne Angabe inhaltlicher Gründe wird jahrelange ehrenamtliche Arbeit eines Vereins im Viertel verhöhnt und für unerwünscht erklärt. Offensichtlich ist eine Bahnhofsviertelnacht mit Programmpunkten von Doña Carmen im Sinne eines „Stadtmarketings“ nicht mehr vorzeigbar. Offenbar bestimmt neuerdings die Polizei, wer an einem Stadtteilfest wie der Bahnhofsviertelnacht mitmachen darf und wer nicht. Provinzieller geht’s nicht. Ein Offenbarungseid!

Mit dieser krassen Fehlentscheidung erweist sich die Rede vom „vielfältigen, bunten Viertel“, das sich in der Bahnhofsnacht präsentiere, als hohle Politiker-Phrase. Die Fassade bröckelt und zum Vorschein kommt die hässliche Fratze der mit Ausgrenzung einhergehenden Gentrifizierung des Bahnhofsviertels.

Allerdings: Eine Frankfurter Bahnhofsviertelnacht ohne die Frauen aus der Sexarbeit, die im Viertel den nach wie größten Wirtschaftszweig repräsentieren, ist eine Lachnummer für die gesamte Republik, ist eine Karikatur auf das vielbeschworene „liberale“ Frankfurt und Ausdruck neuer Spießigkeit und Verlogenheit.

Amtsleiter Tarkan Akman fordert in seinem Schreiben vom 19.06.2017 Doña Carmen auf, seine Position zur Kenntnis zu nehmen und „zu respektieren“. Mit Verlaub, Herr Akman: Das werden wir nicht tun! Wir haben keinen Respekt vor Menschen, die meinen, ihre politische Macht zur Ausgrenzung gesellschaftlicher Minderheiten missbrauchen zu müssen. Wir haben keinen Respekt vor Menschen, die glauben, das tausendfach bekundete Interesse von Frauen, im Rahmen von Bordellführungen mit Sexarbeiter/innen ins Gespräch zu kommen, einfach übergehen und mit Ignoranz strafen zu können.

Herr Akman ist neben seiner neuen Funktion als Amtsleiter noch Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Bonames. Er sollte wissen: Das Bahnhofsviertel ist kein SPD-Ortsverein, den man mit Pascha-Allüren nach Belieben lenken und dirigieren kann. Das Bahnhofsviertel ist gelebte gesellschaftliche Vielfalt, ob einem das gefällt oder nicht. Volkserzieherischen Maßnahmen gegen Prostitution dienen heute kaum noch der sittlichen Erbauung. Diese Zeiten sind rum, auch wenn die große Koalition im Bund mit ihrem so genannten „Prostituiertenschutzgesetz“ glaubt, die Zeiger der Uhr zurückdrehen zu können.

Mit dem politisch motivierten Rausschmiss von Doña Carmen aus der Frankfurter Bahnhofsviertelnacht manifestiert sich die unheilige Allianz eines SPD-Amtsleiters, einer CDU-geführten Stadtpolizei und eines grün regierten Frauenreferats. Der Kontext ist klar: Die Oberbürgermeisterwahl steht bevor, man läuft sich warm für den Wettlauf konservativer Profilneurotiker. Unter dem Motto „Sauberkeit, Sicherheit und Ordnung“ meint der Frankfurter Ordnungsdezernent Markus Frank (CDU) offenbar mit der Drogenkriminalität auch gleich den Wirtschaftszweig Prostitution aus dem Viertel entsorgen zu können. Und wie immer im Schlepptau mit dabei: Die Frankfurter Grünen mit ihrer schrillen Dämonisierung des Prostitutionsgewerbes und ihrer eiskalten Abschaffung des Nachtbusses für frierende Sexarbeiter/innen am Straßenstrich. Eine feine Gesellschaft!

Der Ausschluss von Doña Carmen aus der Bahnhofsviertelnacht ist in Wirklichkeit ein weiterer Schlag gegen die Frauen im Prostitutionsgewerbe. Sie will man damit treffen, aus der Gesellschaft ausschließen und wieder zu Unpersonen machen. Das werden wir nicht hinnehmen.

Wir fordern die sofortige Rücknahme des politisch motivierten Ausschlusses von Doña Carmen e.V. aus der Frankfurter Bahnhofsviertelnacht!

Oberbürgermeister Peter Feldmann hat im vergangenen Jahr mit seiner Entscheidung zur Rückverlegung der Bahnhofsviertelnacht in den Sommer gezeigt, dass er diesbezüglich ein Machtwort sprechen kann. Das gleiche Gespür erwarten wir von ihm auch im Hinblick auf die gewichtige Frage des Erhalts der Vielfalt derer, die sich in der städtisch organisierten Bahnhofsviertelnacht präsentieren.

Denn eines sollte klar sein: Wer von ‚Vielfalt‘ spricht und in Wirklichkeit Ausgrenzung betreibt, macht sich unglaubwürdig. Die Menschen in dieser Stadt sind nicht so dumm, dass sie das nicht merken würden. Sie werden ihre Schlüsse daraus ziehen.

Neuerscheinung:

Doña Carmen’s Handbuch für die Alltagspraxis“

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Am 1.7.2017 beginnt mit dem Inkrafttreten des ‚Prostituiertenschutzgesetzes‘ eine neue Ära der Entrechtung, der Gängelung und Schikane von Sexarbeiter/innen. Das Doña-Carmen-Handbuch beleuchtet das Gesetz aus der Sicht von Sexarbeiter/innen. In übersichtlich gegliederter Frage-Antwort-Form verbindet es Information mit einer Parteinahme für die Rechte von Sexarbeiter/innen. Es ist genau diese Kombination, die das Buch hilfreich und nützlich macht. Das Handbuch ist entstanden in Zusammenarbeit mit Sexarbeiter/innen, die wissen worauf es in der Praxis ankommt.

Doña Carmen’s Handbuch für die Alltagspraxis“ ist erhältlich im Buchhandel, über den Verlag DVS oder direkt bei Doña Carmen e.V.: donacarmen@t-online.de;

Infos: www.donacarmen.de

ISBN 978-3-932246-89-0, 190 S., Preis 12,90 €

 

Doña Carmen e.V., Pressemitteilung, Frankfurt, 27. Juni 2017