Wohnwagensiedlung Bonameser Straße: Stadt verweigert Runden Tisch

erstellt von Gegen Vergessen für Demokratie — zuletzt geändert: 2019-12-09T12:03:09+01:00
Es wäre sehr gut, wenn weitere Organisationen oder auch Einzelpersonen dem Dezernenten Schneider schreiben würden.

Stellungnahme vom Verein "Gegen Vergessen für Demokratie"

Das in die Zuständigkeit von Dezernent Jan Schneider fallende Amt für Bau und Immobilien verweigert das interfraktionelle Zukunftskonzept des Ortsbeirats sowie den Dialog im Runden Tisch. Die entsprechende Stellungnahme vom 18.11.2019 ist empörend. Der Verweis auf einen angeblichen Beschluss einer Schließung des Platzes in der Stadtverordnetenversammlung im Januar 1975 wie auch im September 1983 ist schlichtweg falsch. Noch mehr empört, dass sich alte Vorurteile und Klischees gegenüber den Bewohnern in der Stellungnahme des Amts vom 18.11. dieses Jahres wieder finden, so z.B. in der Unterstellung, dass die Verlagerung an einen anderen Standort "eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit von Bodenkontaminationen" entstehen lasse. Dass die Altlasten auf dem Gelände zum größten Teil auf die Abfallentsorgung der Alliierten sowie der Entsorgung der Schlacke der Müllverbrennungsanlage in den 60er und 70er Jahren zurückzuführen ist, wird nicht zur Kenntnis genommen. Stattdessen werden Klischees aus der Nachkriegszeit bedient, als mit Robert Ritter und Eva Justin NS-Verbrecher in den Dienst der Stadt Frankfurt traten, die unmittelbar am Massenmord von sog. "Asozialen" beteiligt waren. Dass Eva Justin seiner Zeit sogar direkt im Wohnwagenlager eingesetzt wurde und somit mit Nachfahren von NS-Opfern zu tun hatte, für deren Vernichtung sie mit verantwortlich war, ist mehr als beschämend.

Wir fordern den Dezernenten auf, den Dialog mit den Bewohnern und dem Ortsbeirat nicht länger zu verweigern. Die Wohngemeinschaft gehört zur Geschichte unserer Stadt. Wir haben nicht zuletzt aufgrund unserer historischen Verantwortung die Aufgabe, den Bewohnern und deren Kindern ein dauerhaftes Zuhause an dieser Stelle zu ermöglichen.


Dezernat V                                                                  Frankfurt, 07.12.2019
Herrn Dezernent Jan Schneider
Sandgasse 4
60311 Frankfurt am Main 5

Stellungnahme Wohngemeinschaft Bonameser Straße

Sehr geehrter Herr Dezernent Schneider,

als Regionalsprecher Rhein-Main des bundesweit tätigen Vereins Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. setze ich mich für die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus ein und habe aus dieser Verantwortung heraus ein wachsames Auge für das Nachwirken solchen Gedankenguts bis in die Gegenwart hinein. Aus diesem Grund haben wir z.B. zuletzt die Ausstellung über „Wohnungslosigkeit im Nationalsozialismus“ in der Katharinenkirche präsentiert. Auch unterstützen wir die Initiative des Frankfurter Professors Frank Nonnenmacher bzgl. der Anerkennung von sogenannten „Asozialen und Berufsverbrechern“ als Verfolgte des NS-Regimes. Im November erhielt unsere Frankfurter Arbeitsgruppe Besuch von Dr. Sonja Keil und Adolf Fletterer, die uns von der Wohnwagensiedlung an der Bonameser Straße berichteten – für viele von uns ein unbekanntes Kapitel der Frankfurter Geschichte.

Nun haben wir erfahren, dass das in Ihre Zuständigkeit fallende Amt für Bau und Immobilien das interfraktionelle Zukunftskonzept des Ortsbeirats sowie den Dialog im Runden Tisch verweigert. Die entsprechende Stellungnahme vom 18.11.2019 empört uns.

Wir verurteilen nicht nur, dass hier von einem angeblichen Beschluss einer Schließung des Platzes in der Stadtverordnetenversammlung vom 30.01.1975 (§ 2354) die Rede ist, was schlichtweg falsch ist. Auch im Beschluss der Stadtverordnetenversammlung vom 05.09.1983 ist im übrigen an keiner Stelle die Schließung des Platzes ersichtlich. Noch mehr empört uns, dass sich alte Vorurteile und Klischees gegenüber den Bewohnern in dieser Stellungnahme wieder finden, so z.B. in der Unterstellung, dass die Verlagerung an einen anderen Standort „eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit von Bodenkontaminationen“ entstehen lasse. Dass die Altlasten auf dem Gelände zum größten Teil auf die Abfallentsorgung der Alliierten sowie der Entsorgung der Schlacke der Müllverbrennungsanlage in den 60er und 70er Jahren zurückzuführen ist, wird nicht zur Kenntnis genommen. Stattdessen werden Klischees aus der Nachkriegszeit bedient, als mit Robert Ritter und Eva Justin NS-Verbrecher in den Dienst der Stadt Frankfurt traten, die unmittelbar am Massenmord von sog. „Asozialen“ beteiligt waren. Dass Eva Justin sogar direkt im Wohnwagenlager eingesetzt wurde, ist mehr als zynisch.Wir fordern Sie auf, den Dialog mit den Bewohnern und dem Ortsbeirat nicht länger zu verweigern. Die Wohngemeinschaft gehört zur Geschichte unserer Stadt. Wir haben nicht zuletzt aufgrund unserer historischen Verantwortung die Aufgabe, den Bewohnern und deren Kindern ein dauerhaftes Zuhause an dieser Stelle zu ermöglichen.

Mit freundlichen Grüßen

Andreas Dickerboom

Gegen Vergessen für Demokratie e.V.
Regionale Arbeitsgruppe Rhein-Main