Workshop: Tonbandaufnahmen aus NS-Prozessen

erstellt von Fritz Bauer Institut — zuletzt geändert 2023-11-14T11:44:53+01:00
Organisiert von Dr. Sara Berger und Dr. Katharina Stengel (beide Fritz Bauer Institut) sowie Prof. Dr. Peter Davies (University of Edinburgh)
  • Wann 07.12.2023 von 10:00 bis 18:00 (Europe/Berlin / UTC100)
  • Wo Campus Westend, Nebengebäude, Raum NG 2.701
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Tonbandaufzeichnungen aus Gerichtsverhandlungen sind eine wichtige und außergewöhnliche Quelle, doch haben sie in der Forschung über den Holocaust bislang nur eine untergeordnete Rolle gespielt. So werden Zeugenaussagen aus dem Gerichtssaal zwar als Quellen für die historische Forschung genutzt, die Tonbandaufnahmen haben jedoch vielfältige darüberhinausgehende Facetten, die bisher nur fragmentarisch analysiert wurden.

Im Zentrum des Workshops stehen Zeugenaussagen der Überlebenden in Prozessen wegen nationalsozialistischer Gewaltverbrechen vor Gerichten in der Bundesrepublik Deutschland. Ihre Aussagen entstanden in einer komplexen und ethisch herausfordernden Kommunikationssituation, deren Analyse interdisziplinäre Zugänge erfordert. Zu berücksichtigen ist etwa, dass die Zeugenaussagen in einem diffizilen Verhältnis zu der sich entwickelnden öffentlichen Rolle des Überlebenden-Zeugen und zur Geschichtsschreibung des Holocaust stehen. Ebenso bedeutsam sind Fragen nach der Dialogizität des Sprechens, nach der kollaborativen Performance, den Interaktionen vor Gericht, den durch unterschiedliche Sprachkompetenzen charakterisierten sprachlichen Praktiken, den Deutungs- und Machthierarchien im Gerichtssaal, den mit den Tonbändern überlieferten Emotionen sowie der Bedeutung und der Wirkung des nicht-semantischen, akustisch nachvollziehbaren Geschehens auf die Gerichtsinstanzen.
Überlegt wird ferner, welche Analysekriterien geeignet sind, um – jenseits der Frage nach dem konkreten Wahrheitsgehalt – zu beurteilen, wie die Überlebenden ihre traumatischen Erfahrungen im Gerichtssaal darstellten bzw. nicht verbalisierten. Dabei sollen Vorteile und Grenzen der Methoden unterschiedlicher Disziplinen diskutiert werden, um die Aussagen der Zeugen in ihrer Komplexität und Vielfalt zu verstehen und konkrete Wege zu finden, den Stimmen der Überlebenden in ihrer Authentizität und Individualität Raum zu geben.

Für eine gemeinsame Diskussionsbasis werden Expertinnen und Experten aus der Geschichtswissenschaft und der Literaturwissenschaft sowie eine Kulturproduzentin kurze Inputvorträge zu ihren Forschungsproblemen, -methoden und -fragen halten und unterschiedliche Prozesse und Aussagekontexte in den Blick nehmen. Dabei werden auch audio-(visuelle) Beispiele zur Diskussion gestellt.
Interessierte sind herzlich eingeladen, ihre Forschungsfragen, Eindrücke und Anregungen einzubringen und gemeinsam mit den Vortragenden zu diskutieren.

Programm

10:00–11:20 Uhr:
Prof. Dr. Peter Davies (Edinburgh), Dr. Sara Berger (Frankfurt am Main): Einführung in den Workshop
Dr. Aurélia Kalisky (Berlin): Der basso ostinato der Staatsanwaltschaft
Dr. Axel Doßmann (Jena/Berlin): Intensive Befragungen jenseits vom Gerichtssaal – Über David P. Boders Interviews mit Displaced Persons aus dem Sommer 1946

11:30–13:15 Uhr
Prof. Dr. Peter Davies (Edinburgh): Dolmetschen bei Zeugenaussagen des Ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses (1963–1965)
Marie Schwesinger (Frankfurt am Main): Der Versuch eines künstlerischen Umgangs mit den Opferaussagen der Auschwitz-Prozesse – Überlegungen aus der Theater-Praxis
Dr. Andrea Rudorff (Frankfurt am Main): Filmausschnitte aus polnischen Auschwitz-Prozessen (1947)

14:00–15:45 Uhr
Dr. Sara Berger (Frankfurt am Main): Konzeptionelle Überlegungen und Probleme des Forschungsprojekts »Der Holocaust auf Tonband« zu den Prozessen der »Aktion Reinhardt«
Dagi Knellessen (Berlin): Sobibor-Überlebende vor Gericht: Analyse einer Zeugenaussage von Josef Cukierman (1949)
Ass. Prof. Dr. Jan Süselbeck (Trondheim): Vom Exzesstäter zum Sympathieträger? Literaturwissenschaftliche Überlegungen zur Affektivität der Selbstinszenierungen von NS-Massenmördern

16:00–18:00 Uhr
Dr. Katrin Stoll (Warszawa): Zur Vermittlung zwischen der Position des Überlebenden und des Historikers und zwischen dem Polnischen und dem Deutschen vor Gericht. Die Aussage des Zeugen Szymon Datner im Bielefelder Białystok-Prozess (1965–1967)
Gemeinsame Diskussionsrunde

Anmeldung bis zum 27. November 2023 per E-Mail an: anmeldung(at)fritz-bauer-institut.de