Kundgebung zur Liquidation des "Zigeunerlagers" Auschwitz am 2.8.2017

erstellt von Förderverein Roma — zuletzt geändert: 2017-07-24T12:49:14+02:00
und Ausstellung zur Abschiebung von Roma

Der Förderverein Roma lädt anlässlich des Jahrestages der „Liquidation“ des „Zigeunerlagers“ Auschwitz zu einer Kundgebung am 2.8.2017 um 18.00 Uhr in die Braubachstraße 18-22, Geschäftsstelle des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, ehemaliges Stadtgesundheitsamt Frankfurt am Main und in Kooperation mit der Initiative »Faites votre jeu!« zur Eröffnung der beiden Gastausstellungen „Zur Situation abgeschobener Roma in Westbalkanstaaten“ des Roma Center Göttingen/Roma Antidiscrimination Network/Initiative „alle bleiben!“ und „Inside Abschiebelager“ des Bayerischen Flüchtlingsrats um 19 Uhr im ehemaligen Gefängnis Klapperfeld, Frankfurt/Main, ein.

In einem unvergleichbaren Akt wurden am 2.8.1944 2800 Roma und Sinti bei der Auflösung des „Zigeunerlagers“ Auschwitz ermordet. Diese Aktion bildete gleichsam die Spitze der Erfassung, Verfolgung und Vernichtung der Roma und Sinti während des Nationalsozialismus. Bereits in den 30er Jahren wurden in enger Kooperation zwischen dem „rassehygienischen Institut“ des Reichssicherheitshauptamtes, verschiedenen Kriminalämtern sowie städtischen und kirchlichen Einrichtungen alle Roma und Sinti in Deutschland erfasst, vermessen, in Lagern inhaftiert und schließlich in Vernichtungslager deportiert. Etwa eine halbe Million Roma und Sinti wurden ermordet.

Eva Justin und Robert Ritter waren als maßgebliche „NS-Rasseforscher“ verantwortlich für den Völkermord an über 20000 deutschen Roma und Sinti. Trotz ihrer Verbrechen wurden sie nicht strafrechtlich belangt und nach 1945 von der Stadt Frankfurt im Sozial- und Gesundheitsamt in leitenden Positionen beschäftigt. Eva Justin hatte im Rahmen ihrer Tätigkeit und im Auftrag der Stadt Frankfurt am Main erneut mit Roma und Sinti zu tun.

Der jahrelange Protest der Roma-Union Frankfurt, des Förderverein Roma und vieler UnterstützerInnen ermöglichte am 27.1.2000 die Anbringung einer Gedenktafel am Stadtgesundheitsamt, dem ehemaligen Tätigkeitsfeld von Ritter und Justin. Die Tafel, die ausschließlich von Spendengeldern finanziert wurde, erinnert an die begangenen Verbrechen, bezeichnet die Täter und klagt die Verantwortung gegenüber Roma und Sinti auch nach 1945 ein.

Der Förderverein Roma stellt fest, dass Ausgrenzung und Rassismus, insbesondere gegenüber Roma-Flüchtlingen und -MigrantInnen zunehmen. Aufgrund der verschärften Gesetzgebung und der restriktiven behördlichen Praxis bei Hilfeanfragen werden viele Menschen obdachlos, sind ohne Unterstützung und gesundheitliche Versorgung. Die Gewalt gegenüber den Betroffenen nimmt zu, das racial profiling wird zum Alltag. Die beiden Brandanschläge im letzten Halbjahr 2016 sind nicht aufgeklärt und dem Förderverein Roma erteilt das Präsidium keine Auskunft. Ein Großteil der von der Brache geräumten Roma sucht weiter nach Unterkünften.

Die Ablehnung durch Administration und Mehrheitsgesellschaft zwingt die Menschen, sich selbst zu organisieren, ständig bedroht von Übergriffen und Vertreibung. Hinzu kommt die Angst vor der Inobhutnahme der Kinder sowie die Androhung und Durchführung des Kindesentzugs. Die Bankrotterklärung der Sozialarbeit durch Ignoranz vor dem Elend geht einher mit dem Primat der Ordnungspolitik. Menschen die seit Jahrhunderten ausgegrenzt, verfolgt und europaweit der NS-Vernichtungsmaschinerie ausgesetzt waren, werden für ihre Armut selbst verantwortlich gemacht. Die Bezichtigung stößt auf breite Zustimmung und dient als willkommene Profilierung im Wahlkampf. Die historische Verantwortung der deutschen Gesellschaft spielt keine Rolle; die seit Jahrhunderten eingeprägte Ablehnung, der Rassismus gegenüber Roma und Sinti, verdeckt oder offen, umso mehr. Dem Elend der Roma aus Osteuropa steht die massenhafte Abschiebung der Roma-Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien gegenüber. Trotz gegenteiliger Berichte von Menschenrechtsorganisationen wurde durch die Einstufung der Balkanstaaten als sichere Herkunftsländer das persönliche verbriefte Recht auf Asyl ausgehebelt. Familien, die seit Jahren hier leben, werden mit Gewalt in Abschiebelager verbracht und in Perspektivlosigkeit, Armut und Gewalt ausgewiesen.

Bemerkenswert ist, dass sowohl bei der Verweigerung von Hilfe für Roma aus Osteuropa als auch bei den Abschiebungen nachdrückliche Kritik wegen der Verfassungs- und Grundgesetzwidrigkeit der Vorgehensweise unbeachtet bleibt. Klagen, dass die Praxis darüber hinaus gegen die UN-Menschenrechtcharta und die europäische Menschenrechtskonvention verstößt, perlen am Gesetzgeber ab.

Willkommen sind die Roma nicht. Sie werden instrumentalisiert als Armutsflüchtlinge und dienen, auch mit zunehmend rassistischem Blick, als diffuses Identifikationsmerkmal für die Mehrheit. Die Zunahme von Stigmatisierungen, falschen Behauptungen, unzulässigen Generalisierungen in der begleitenden öffentlichen Berichterstattung tragen dazu bei, die bekannte Sündenbockfunktion ständig zu reaktivieren. Menschenrechtsverletzungen, Pogrome, Mord, Marginalisierung und massive Verelendung, denen Roma vor allem in Osteuropa ausgesetzt sind, stoßen auf Ignoranz bei politisch Verantwortlichen.

Der Förderverein Roma fordert die Sicherstellung des garantierten Schutzes und der Rechte der Roma und Sinti als Minderheit und als EU-BürgerInnen. Dazu gehören die Bereitstellung einer angemessenen Unterkunft, der notwendigen Mittel zum Lebensunterhalt, die adäquate medizinische Versorgung und ein Abschiebestopp.

 

PressemitteilungFfm., den 24.7.2017

Förderverein Roma

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