Straßenumbenennung München zum Tag der Urteilsverkündung im NSU Prozess

erstellt von Kein Schlussstrich Hessen — zuletzt geändert: 2018-07-16T12:39:10+02:00
Heute, am 11. Juli 2018, dem ersten Tag der Urteilsverkündung im NSU Prozess hat das Bündnis "Kein Schlussstrich Hessen" in München, im Stadtteil Bogenhausen, symbolisch Straßen umbenannt.
Straßen tragen nun die Namen nahezu all derer Menschen, die die durch den NSU ermordet wurden: Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Habil Kılıç, Halit Yozgat, Ismail Yaşar, Mehmet Kubaşık, Mehmet Turgut, Michèle Kiesewetter, Süleyman Taşköprü und Theodoros Boulgarides.
 
In Bayern ermordete der NSU fünf Menschen, zwei von ihnen in München. Auch stehen in der Landeshauptstadt München seit über fünf Jahren eines der Mitglieder sowie vier Unterstützer des Kerntrios vor Gericht. Diese Stadt ist untrennbar mit den Taten des NSU und der staatlichen sowie institutionellen (Nicht-)Aufarbeitung verbunden.
Gerade heute, wenn durch die deutschen Behörden versucht wird, einen Schlussstrich unter die Akte NSU zu ziehen, ist es wichtig, auf verschiedenen Ebenen ein Zeichen dagegen zu setzen und auch im öffentlichen Raum Orte des Erinnerns für die Opfer zu schaffen. Die Umbenennung dieser Straßen ist ebenso ein Überschreiben der Glorifizierung und Verehrung der kolonial-rassistischen deutschen Vergangenheit. Zuvor trugen die Straßen Namen von Tätern des Kolonialismus, der bis heute in den rassistischen Verhältnissen fortwirkt. Die Opfer des NSU sind Opfer eben jener rassistischen Kontinuitäten und Strukturen in Deutschland.
 
Das Gedenken sollte den Opfern und nicht den Tätern gelten! Das Gedenken an einen Menschen ist unmittelbar mit seinem Namen verbunden und bis heute wurden die Forderungen von Opferangehörigen und Opfern nach solchen Erinnerungsorten nicht erfüllt. Eine offizielle Umbenennung dieser Straßen durch die Stadt München wäre ein deutliches Zeichen der Anerkennung, besonders für die Angehörigen und Betroffenen. Die Forderung der Familie Yozgat die „Holländische Straße“ in Kassel, jene Straße in der Halit Yozgat aufwuchs und durch den NSU ermordet wurde, in Halitstraße umzubenennen, ist bisher nicht umgesetzt. In Kassel wurde stattdessen ein Platz nach Halit Yozgat benannt. Ein Platz, der zuvor keinen Namen trug und dessen Umbenennung nie den Wünschen und Forderungen der Familie Yozgat entsprach. Ismail Yozgat bleibt bei seiner Forderung: „Halitstraße oder ich will meinen Sohn zurück!“ Auch an anderen Tatorten des NSU kämpfen die Opfer und Opferangehörigen um das Gedenken. Wie im Prozess zeigt sich hier deutlich der Unwillen deutscher Behörden und Institutionen den Forderungen der Betroffenen gerecht zu werden.
 
„Es geht um das öffentliche Gedenken an diese Menschen, ihre Namen dürfen niemals vergessen werden. Sie wurden Opfer rassistischer Anschläge des neonazistischen NSU-Netzwerkes, das von staatlicher Seite durch den Verfassungsschutz gestützt wurde. Daher fordern wir ebenfalls die lückenlose Aufklärung dieser Morde!“ so Hilde Wiesel, des Bündnisses "Kein Schlussstrich Hessen".
Pressemitteilung, Kein Schlussstrich Hessen, 11. Juli 2018